Ausstellung

Märchenmaschinen

Vor ein paar Wochen – es kommt einem vor, als wären es Jahre – waren wir mit der halben Erzählwerkstatt im Wolfsburger phaeno. Im Moment muss es wegen Corona natürlich geschlossen bleiben, aber normalerweise werden dort alle möglichen natürlichen Phänomene mit passenden Gerätschaften vorgeführt. In den meisten Fällen kann man dabei auch irgendwie selber Hand anlegen. Es ist ein großer Spaß, die verschiedenen Apparaturen zu benutzen und zu schauen, was passiert. Wenn man das Ganze durchdenkt und sich die Erklärungen dazu durchliest, ist das eine sehr eindrückliche und kurzweilige Art, um etwas über die Kräfte und Gesetzmäßigkeiten zu lernen, die um uns her so walten.

Wir Braunschweiger Erzähler:innen aber, wir wurden eher von inneren Kräften dorthin gezogen. Denn die springen bei uns ziemlich zuverlässig an, wenn etwas das Wörtchen ‚Märchen‘ im Titel trägt. In diesem Fall war es eine Sonderausstellung mit dem seltsam-schönen Titel „Märchenmaschinen“.

Die Ausstellung lief vom 16.11.2019 bis 16.02.2020. Ich will aber trotzdem noch darüber berichten: Zum einen, weil ich sie einfach reizend und bemerkenswert fand, zum anderen, weil es auch mit meinen Überlegungen zum Konzept des Märchenwalds zu tun hat. Ein paar Foto-Eindrücke gibt es hier weiter unten zu sehen. Die Macher:innen der Exponate betreiben aber auch eine reichhaltige Webseite, auf der man noch viel mehr anschauen kann. Der selbstgewählte Name ist ,Cabaret Mechanical Theatre‘.

Ihre Kunst bezeichnen die Schöpfer:innen der ,Märchenmaschinen’ selber also eher als ,mechanisches Theater‘ und als ,Automaten‘. Das passt auch insofern besser, als dass nur ein kleiner Teil der in Wolfsburg ausgestellten Stücke wirklich bekannte Märchenstoffe zum Thema hatte.

Hier links sieht man einen Teil der „Hänsel und Gretel“-Maschine. Denken Sie sich die Unschärfe bitte als Bewegung: Gretel rührte etwas, die Eule drehte den Kopf, der Besen fegte von allein, und ab und an guckte der Kopf der Hexe aus einem Behältnis in der Ecke. Unterhalb war noch Hänsel in einem Kellerverlies zu sehen. Eine Momentaufnahme, die einen zentralen Ort und die Personen des Märchens vereint. Ähnlich wie bei den Szenenbildern eines Märchenwaldes.

Eine andere ,Märchenmaschine‘ ließ einfach eine Vielzahl menschlicher und phantastischer Gestalten einander in langsamen Bahnen umkreisen, so dass sie sich in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder fast berührten.

Es gab auch Maschinen, die eine kurze Handlung erzählten: Eine Katze leckt (laut Aufschrift  „vergiftete“) Milch auf – und kippt irgendwann um. Das auf dem Bild unten zu sehende alptraumartige Wesen schnappt immer wieder mit der Schere nach einem Männlein. Dieses zieht jedoch den Kopf ein, so dass es nur einen Bürstenhaarschnitt verpasst bekommt – nur einmal dann nicht schnell genug, und dann ist der Kopf  (kurzzeitig) ab.

Diese beiden Maschinen spielen mit unserer Erwartung. Denn unterhalb der Figuren ist das mechanische Getriebe jeweils offen sichtbar. Man hat also den Mechanismus vor Augen, beachtet aber erst einmal nur die von ihm ausgelösten Bewegungen auf der oberen Ebene. Dabei erwartet man nicht allzu viel, denn man weiß ja, dass es nur eine endliche Anzahl von Bewegungen geben kann, und immer nur dieselben.

Und dennoch: Etwas Unerwartetes passiert.

Und nun schaut man doch genau auf die Mechanik, und es stellt sich heraus, auch das war eingebaut: Alle x-mal kippt die Katze um und das Männlein wird enthauptet. Und dann geht es wieder von vorne los.

Die Mechanik wird zum beachtenswerten Teil der Erzählung.

Schön war auch dieses Mechanik-gewordene Wortspiel:

Wir sehen hier die heilige Familie samt Esel auf dem Flug nach Ägypten. Das englische ,flight‘ ist ein Teekesselchen – also zwei Worte, die gleichklingend (homonym), aber von unterschiedlicher Bedeutung (polysem) sind. ,Flight‘ kann ins Deutsche sowohl mit ,Flucht‘ als auch mit ,Flug‘ übersetzt werden. Der Flug, mit mechanischen aber harmonischen Bewegungen, war jedenfalls ein schöner Anblick. Merke: lieber Flug als Flucht.

„Märchenmaschinen“: Der Titel der Ausstellung war geschickt gewählt, weil er zwei Konzepte in engen Kontakt miteinander bringt, die erst einmal so gar nicht zusammen zu passen scheinen.

Mit ,Märchen‘ assoziiert man etwas Altes, Überliefertes und gleichzeitig Flüchtiges, das von und für Menschen gemacht wird. Mit dem Begriff ,Maschine‘ verbindet man dagegen eher die/das Moderne. Maschinen werden neu erfunden und sind dann als Gegenstand einfach da. Sie passen sich nicht an, sondern machen mechanisch immer alles gleich.

Im Fall der ‚Märchenmaschinen‘ taugt aber gerade dieses Mechanische als Verbindungsglied. Denn im Zeitalter digitaler Transformation, wo unsichtbare (und für Laien unverständliche) Algorithmen die Dinge jederzeit passgenau berechnen und in Bewegung setzen, da wird die pure Mechanik ihrerseits zu etwas aus der guten alten Zeit und damit dem Märchen ähnlicher. Mechanik kann faszinieren, aber sie kann heute auch fast beruhigend wirken durch ihre begrenzte und im wahrsten Sinne vorher-seh-bare Funktionsweise. Zur Not könnte man sie wahrscheinlich selber noch verstehen – jedenfalls nach dem einen oder anderen Besuch im phaeno.

Dazu kommt, dass die Maschinen der Wolfsburger Ausstellung von kautzig-sympatischen, kreativen Köpfen erdacht und liebevoll von Hand sowie größtenteils aus Holz gemacht worden sind. Es sind Unikate. Diese Maschinen sind damit Handwerkskunst – so wie Märchen Mundwerk/Erzählkunst sind.

Von Hand muss man die ,Märchenmaschinen‘ normalerweise auch bedienen. Dafür braucht es etwas Zartgefühl, sonst könnte leicht ein Zahnrad verklemmen oder abbrechen oder etwas aus einer Führung oder Halterung rutschen. Für die Ausstellung wurden die Maschinen deshalb umgebaut und museumsmäßig unter Plexiglas-Glocken platziert. Die Maschinerie wird nun mit Strom angetrieben. Aber uns Besucher:innen blieb zumindest ein Startknopf, den man selbst betätigen konnte.

Und in der phaeno-Werkstatt kann man Hand anlegen und selber ans Basteln gehen.

Hoffentlich bald wieder!

Soviel zur Annäherung von Maschinen an Märchen. Aber es gibt auch von Seiten des Märchens aus Anknüpfungspunkte. Dazu zum Schluss ein Zitat des wunderbaren Michael Köhlmeyer (aus: „Der Feuervogel“, Ausstrahlung vom 17.01.2012, BR, ARD-alpha):

„Manche Märchen sind wie eine Art Maschine zur Erzeugung von Glück, unter Berücksichtigung aller Umwege dorthin, nämlich um dem Zuhörer klar zu machen, wie schwierig es ist, glücklich zu sein.“

Ich vermute, er spielt hier auf eine ,gut laufende Maschinerie‘ an, also darauf, dass Märchen oft bestimmte Motive nutzen und kombinieren und insofern vorhersehbare und in gewisser Weise fixe Abläufe haben. Und dabei demonstrieren, wie man als Mensch zum Glück kommen kann. Und gleichzeitig wird das Glück ja auch in den Zuhörenden ,zuverlässig produziert‘ durch die Märchenmaschinerie. Oder? Was meinen Sie?

„Versuchen Sie es zu interpretieren. Das Schönste daran wird sein, dass Sie am Ende nicht mit Sicherheit sagen können, ob Sie die Wahrheit gefunden haben.“ (ebenfalls M. Köhlmeyer, „Feuervogel“)

 

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