Legenden,  Sagen

„Ein Rätsel, ein Geheimnis.“

Der Rattenfänger von Hameln

„Ein Rätsel, ein Geheimnis.“ – Das war der Refrain der Museumsmitarbeiterin, die uns neulich durch den Rattenfänger-Teil des Hamelner Museums führte. Was geschah vor mehr als 700 Jahren mit den Hamelner Kindern? Es bleibt – „ein Rätsel, ein Geheimnis“. 130 Kinder sollen es gewesen sein. Die ganze Jugend und Zukunft einer Stadt. Denn viel mehr als tausend Einwohner hatte Hameln noch nicht, als die Kinder an einem Sommertag im Jahre 1284 für immer verloren gingen. Angelockt und mitgerissen durch das Flötenspiel eines Fremden sollen sie zur Stadt hinausgezogen und in einem nahen Berg verschwunden sein.

 

“130 Kinder” – Detail aus dem Spruchband an der Seite des ‚Rattenfänger-Hauses‘ in Hameln

Feuer, Wasser, Diebstahl, Krieg haben Lücken in die Überlieferung gerissen. Die frühesten zitierten Belege, eine Inschrift auf einem der Marktkirchen-Fenster sowie Akten des Stadtrats, fielen dem Zahn der Zeit zum Opfer. Für Hameln sei das nur gut, erklärte man uns: Das Schicksal – Rätsel und Geheimnis – so vieler Kinder interessiere jeden. Zu den Exponaten im Museum gehören Übersetzungen der Geschichte vom Rattenfänger in viele Sprachen. Es gibt Bilderbücher, Gemälde, Musikstücke, Inszenierungen für Theater, Musical und Puppenspiel (und gerade, wo ich dies hier schreibe, klingt mir ABBAs “The Piper” im Kopf: “We are following a strange melody …”). In Hameln wimmelt es heute von Ratten aus Bronze, Holz, Plastik und Stoff – zum nicht geringen Vergnügen der ebenso zahlreichen Touristen.

Im Museum erfährt man des Weiteren, dass die Geschichte vom Auszug und Verschwinden der Kinder älter ist als der ‚erklärende‘ Teil, der vom Rattenfänger erzählt: Der wurde um seinen Lohn betrogen und rächte sich dafür an den Hamelnern mit der Entführung der Kinder. Doch was geschah mit den Kindern, wenn der Rattenfänger sie nicht holte? Gab es vielleicht eine Epidemie, bei der vor allem Kinder starben? Oder so etwas wie eine Massenpsychose, eine religiöse Prozession mit schlimmem Ausgang, eine ,Tanzwut‘? Einen Kinderkreuzzug? Oder waren die Kinder junge Leute – also im übertragenen Sinne ‚Kinder der Stadt‘ – die als Soldaten angeworben wurden oder als Siedler für Fürsten, die die Expansion nach Osten vorantrieben? Auf welche Weise ‚verschwanden‘ die Kinder ‚im Berg‘? War es ein Erdrutsch? Eine Fata Morgana? Verschwanden sie aus der Sicht, bevor der Staub sich setzte, den hunderte kleiner Füße aufwirbelten? „Ein Rätsel, ein Geheimnis.“

Das Für und Wider dieser Theorien wird in vielen Abhandlungen erörtert, die man z.B. im Museum einsehen kann, und auch die Wikipedia ist hierzu sehr informativ. Ich habe einmal in der digitalen Schulbuch-Bibliothek GEI-Digital nachgeschaut, was dazu in deutschen Schulstuben später so gelehrt wurde: Der früheste Beleg in den derzeit verfügbaren 6,300+ Bänden findet sich in der Universal-Historie von Gottfried Ludovici von 1714. Ludovici führt die Rattenfänger-Geschichte in der Chronologie des 13. Jahrhunderts auf, merkt jedoch an, dass sie noch einen Beweis erfordere. (Er war offenbar ein kritischer Geist, der auch nicht verheimlichte, dass es „vielerlei Umstände“ gäbe, „welche die Historie zweiffelhaft machen“, dass 1275 eine Gräfin Margareta nahe Haag 365 Kinder auf einmal geboren habe).

Trotzdem, irgendwas muss in Hameln vorgefallen sein, sonst hätte man sich nicht davon erzählt, so die Argumentation von Elteste in seinen 1741 erschienenen Lectiones aus der Politischen Historie:

 

„[…] Nach diesem nicht ungereimten Raisonnement kan man auch die Hamelische Rattenfänger-Begebenheit nicht schlechterdinges zu einer Fabel machen.“ (Friedrich Gottfried Elteste 1741, S. 675)

Die beiden nächsten Fundstücke stammen aus Geografie-Schulbüchern von 1753 und 1785. Sie beschäftigen sich mit der Tatsache, dass in Siebenbürgen (Nieder-)Sachsen siedelten. Doch dass dies die Hamelner Kinder, auf unterirdischen Wegen vom Rattenfänger dorthin geführt, gewesen seien, „das will niemand glauben“ (Hübner 1753, S. 319), und dass „die Erzählung […] ein abgeschmacktes Mährchen ist, brauchen wir wohl nicht erst zu beweisen“ (Hammerdörfer 1785, S. 462).

1806 erschien dann die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln in Reimform in der Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn von Achim von Arnim und Clemens Brentano. 1816 folgte eine Prosaversion in den Deutschen Sagen der Brüder Grimm. Auch Brentano veröffentlichte 1838 noch einen Prosaversion (wobei er übrigens die Rattenfängergeschichte in einen lehrreichen Zusammenhang mit der von Ludovici erwähnte Margarete mit den vielen Kindern stellte).

Diese Bücher waren sehr beliebt, und so findet sich der „Rattenfänger“ von den 1850er Jahren bis zum ersten Weltkrieg in mindestens 90 Schulbüchern wieder: als Märchentext in Lesebüchern oder zumindest als Erwähnung der berühmten Hamelner Sage in Geografieschulbüchern.

In den Lesebüchern dürfte die Geschichte als Lehrstück darüber gedient haben, dass man seine Versprechen halten müsse (nämlich den Rattenfänger bezahlen), oder dass man sich vor Fremden hüten solle (weil diese teuflische Mächte und böse Absichten haben könnten), oder dass man Heimatland und Eltern hoch halten solle (und nicht dem Rattenfänger folgen). Ich für meinen Teil hoffe, dass die 130 Kinder in Wirklichkeit junge Leute waren, die als Siedler in der Fremde schließlich ein gutes Leben führten, und ihren Wegzug aus der alten Heimat als den Beginn ihrer persönlichen Heldenreise erzählen konnten. Was Märchen angeht, da gebe ich der Hamelner Museumsdame recht, sind Rätsel und Geheimnis allerdings unschlagbar.

Quellen:

„Der Rattenfänger von Hameln“, in: Arnim, Achim von; Brentano, Clemens, Des Knaben Wunderhorn, Bd. 1, Heidelberg 1806, S. 44-45: www.deutschestextarchiv.de/book/view/arnim_wunderhorn01_1806/?p=53

„Die Kinder zu Hameln“ in den Deutschen Sagen der Brüder Grimm 1816, in: Projekt Gutenberg-DE: https://gutenberg.spiegel.de/buch/deutsche-sagen-9688/246

Brentano, Clemens, „Gockel, Hinkel und Gackeleia. Ein Mährchen“, Frankfurt 1838, in: Deutsches Textarchiv, S. 238f: http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/brentano_gockel_1838?p=293

Elteste, Friedrich Gottfried, Hübnerus enucleatus & illustratus, Zweymal zwey und funfzig Lectiones aus der Politischen Historie, Worinnen Der Kern der Hübnerischen Historischen Fragen enthalten, und nach der bekannten und belobten Hübnerischen Lehr-Art Durch kurtze und deutliche Fragen also vorgetragen ist, daß ein paar fleißige Schüler einander sich selbst in dieser Wissenschaft feste setzen können, Leipzig 1741, S. 674-678: http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-9560655

Hammerdörfer, Karl Kosche; Traugott, Christian, Europa, [Bd. 2, Abth. 2], Leipzig 1785, S. 462 (Ungarn): http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-9907848

Hübner, Johann , Johann Huebners, J. U. L. Vollständige Geographie, Theil 2: Von Dänemarck, Norwegen, Schweden, Preussen, Polen, Rußland, Ungarn, Türckey, Asia, Africa, America, und von den unbekannten Ländern, Leipzig 1753, S. 319: http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-9734799

Ludovici, Gottfried, Universal-Historie. Vom Anfang der Welt bis auf jetzige Zeit, unter dem Titul und Gestalt eines Ordentlichen Examinis über Die Haupt-Sachen der Kirchen, Politischen, und Gelehrten Historie, Leipzig 1714, S. 349: http://gei-digital.gei.de/viewer/image/PPN66215908X/361/

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