Legenden,  Notlagen,  Sagen

… in Zeiten von Corona

Meine erzählenden Kolleg:innen, Freund:innen und Bekannten haben Geschichten fürs Radio aufgenommen, Videos im Grünen gedreht und virtuelle Geschichten-Schreibwerkstätten ins Leben gerufen. Im KULT-Theater wurden das Parkett neu versiegelt, die Wände gestrichen und es wird fleißig an neuen Hygiene-, Zwischenfinanzierungs– und künstlerischen Konzepten „mit Spuckschutz“ gearbeitet. Mir kommt es vor, als hätten alle Leute flugs ihre Behausungen entrümpelt und neue Wege für ihre Kreativität gesucht und gebahnt. Nur ich nicht. Mir hat es die Sprache verschlagen. Als sei mit der Machbarkeit auch die Motivation zum Erzählen erloschen.

Aber Nicht-Erzählen macht für mich – buchstäblich – wenig Sinn. Also habe ich jetzt begonnen, nach Geschichten zu suchen, die für mich die Lage beschreiben könnten, Handlungswege und mögliche Interpretationen aufzeigen. Denn dies ist ja schließlich nicht die erste Pandemie der Menschheitsgeschichte.

Der Geisterritt

Was mir als erstes einfiel, war die Geschichte vom „Geisterritt“, aus dem Buch Die schönsten Alpensagen. Dieses Büchlein bekam ich als Kind während eines Wanderurlaubs geschenkt und habe die Geschichten seitdem zig-mal gelesen. Fast allen gemein ist die Kernaussage, dass die Menschen ihr Wort halten und einander beistehen sollen – sehr verständlich in einer Zeit und Gegend, in der die Menschen sich ohne loyale Mitmenschen schutzlos den sie umgebenden Naturgewalten ausgeliefert sahen.  „Der Geisterritt“ ist allerdings eine Variation, in der Leben schon fast keine Option mehr ist. Das Seelenheil wäre noch zu retten gewesen:

Das Land liegt verwüstet. Eine Frau, ausgezehrt in jeder Hinsicht, kauert am Wegrand und wehklagt um ihre Kinder: der Krieg hat die einen, die Pest nun auch die andern dahingerafft. Heute musste sie ihren Jüngsten begraben. Da kommt eine vornehme Gesellschaft zu Pferde vorbei. Für die Frau haben sie statt Mitleid nur Spott übrig, woraufhin sie eine düstere Prophezeiung ausspricht.  
Und dann wird die ausgelassene, dekadente Feier der Adeligen auf dem nahen Hauensteiner Schloß beschrieben, und wie um Mitternacht plötzlich mit einem Fehlton des Orchesters alles verstummt. Wie die Gesichter plötzlich bleich werden und kalter Schweiß auf die herrschaftlichen Stirnen tritt. Und wie sie alle, stumm, mit angstvollen Gesichtern, hinaustreten und herabsteigen, auf die wie von Geisterhand bereitstehenden Pferde aufsatteln und vor der Frau vom Wegesrand her fortreiten … gen Hölle wahrscheinlich. Ein Geisterzug, der sich, so sagt es die Geschichte, seit jenem Tag jedes Jahr zu dieser Zeit auf der Seiser Alm zu beobachten sein soll.

Das zeitgemäße Stichwort hierzu wäre dann wohl „Coronaparty“. Für mich war die Geschichte früher eine Gruselgeschichte. Jetzt finde ich sie vor allem tragisch. In jedem Fall eine Warnung, dass vor einer Infektionskrankheit letztlich doch alle ziemlich gleich sind,  und eine moralisierende Ermahnung, dass Dekadenz und Hartherzigkeit nicht gerade seelig machen.

Sochor Tarwaa

Aus der Mongolei kommt die Geschichte von Sochor Tarwaa: Eine große Seuche hat alle Menschen weit und breit getötet. Nur der junge Tarwaa ist übriggeblieben, doch alleine will er nicht mehr leben. Schließlich macht sich seine Seele auf in die Unterwelt. Dort ist sie jedoch noch nicht willkommen. Der Herr der Unterwelt will ihr ein Geschenk mitgeben und sie wählt die Märchen. Zurück auf der Erde fährt die Seele wieder in den Körper des Jungen. Die Krähen hatten ihm bereits die Augen ausgehackt, so dass Tarwaa nun blind war. Aber er hatte die Märchen und wanderte erzählend mit ihnen durch die Welt:

„Alle, die ihm zuhörten, erfreute und ermahnte er durch seine Geschichten. Weil so oft von Hoffnung und Ängsten der Menschen die Rede war, gingen die Erzählungen von Mund zu  Mund,  wurden reicher und bunter und wurden zum Schatz des Volkes. So sind die Mongolen zu ihren Märchen gekommen.“

Geschichten als übernatürliches Geschenk, als reale Einkommensquelle für Menschen mit Behinderung, als Ängste erklärend und Hoffnung spendend, als gemeinsames Kulturerbe. Nicht schlecht!

Dekameron

Eine der eindrücklichsten Schilderungen der Pest aus dem Spätmittelalter stammt ausgerechnet aus Italien. Giovanni Boccaccio schrieb 1348-1353 die Geschichtensammlung Dekameron (in etwa: „Zehntagewerk“). Ich kannte sie noch nicht, aber im Gegensatz zu damals können ja heute – Kreditwürdigkeit vorausgesetzt – Onlinehandel und Post leicht alles Gewünschte herbeischaffen…

Die Pest bildet bei Boccaccio den Auslöser der Rahmenhandlung, um ihretwegen fliehen zehn junge Leute (nebst Diener:innen)  aus der Stadt auf ein Landgut und erzählen sich zehn Tage lang gegenseitig Geschichten. Aber eigentlich geht das Erzählen schon früher los, denn im Vorwort erzählt uns Giovanni Boccaccio von seiner Motivation: Er selber sei von (lebensbedrohlichem!) Liebesschmerz durch die Geschichten getröstet und geheilt worden, die ein Freund ihm erzählt habe. Aus Dankbarkeit wolle er nun ebenfalls solch tätiges (erzählendes) Mitleid üben.
Boccaccio sagt, dass er dabei besonders an das weibliche Geschlecht denke. Weil Frauen nun einmal „die meiste Zeit abhängig vom Willen, Gefallen und Befehle ihrer Väter, Mütter, Brüder und Männer“ und „auf den kleinsten Bezirk ihrer Gemächer beschränkt“ sind. Vor allem sorgt er sich um Frauen mit Liebeskummer, „denn den übrigen genügen [zur Ablenkung] Spindel, Nadel und Haspel“, ja ja.
Und Boccaccio hofft, so schreibt er, dass die Geschichten diesen Frauen „gleich viel Vergnügen, als guten Rath gewähren und sie unterrichten werden, was sie fliehen und was wieder erstreben sollen.“

Geschichten als Tröstung, Heilmittel, Ablenkung, Vergnügen, abschreckendes Beispiel und gutes Vorbild? Immer her damit!

Aber damit ist Boccaccios Werbung für die Geschichten noch nicht genug: Spätestens nachdem man seine Beschreibung der Pest in Florenz im Jahr 1348 gelesen hat, verspürt man selbst auch (auch ohne Liebeskummer, und ich vermute, auch als Mann) Lust auf Tröstung und Ablenkung. Eine editorische Notiz meiner Ausgabe verrät, dass schätzungsweise zwei Drittel der Einwohner:innen der Stadt starben, unter ihnen auch Boccaccios Vater.
Boccaccio selbst beschreibt auch den Verfall von Sitte, Recht und Ordnung in diesem apokalyptischen Szenario – und betont mehr als einmal, dass dies auch das pikante Setting der unbegleiteten ledigen jungen Menschen auf dem Landgut rechtfertige. Und deutet an, dass dies auch die Geschichten selber prägt.

„Ich wünsche nämlich nicht, daß Eine von ihnen [von den jungen Frauen, mn] um der Geschichten willen, die sie damals erzählt und angehört, und die ich in der Folge mittheilen werde, sich in Zukunft zu schämen habe, die doch geschehen könnte, da die Sitten, welche um jene Zeit aus den oben genannten Gründen nicht nur in ihrem, sondern auch viel reiferem Alter zu Zerstreuungen die größte Freiheit ließen, inzwischen um Vieles eingeschränkt worden sind; eben so wenig möchte ich den Neidischen, welche immer bereit sind, löblichen Lebenswandel zu verleumden, Gelegenheit geben, durch üble Nachrede in irgend einer Hinsicht den guten Ruf dieser ehrenwerthen Damen zu schmälern.“

Das macht doch erst recht neugierig, oder? Und tatsächlich kommt nicht nur der Klerus in den Erzählungen der jungen Herrschaften ausgesprochen schlecht weg sondern ein Gutteil der Geschichten ist auch erotischer Natur.

Geschichtenerzählen als Vorform von Netflix und Mediatheken, kompett mit Sex und Crime. Um die Welt zumindest im Geiste, in Form von Geschichten zu bereisen, um sich zu amüsieren, um die Zeit zu vertreiben, um die Isolation auszuhalten und die Pest eine Weile in den Hintergrund zu rücken. Sicher auch keine schlechte Idee.

Ich habe viele gute Gründe fürs Geschichtenerzählen gefunden. Mal sehen, was ich daraus machen kann.
In diesem Sinne: Bleibt gesund, passt auf Euch auf und erzählt mir gerne was!

 

Quellen:

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