Phantasie,  Workshop

Hand und Fuß und Obst

Man hört förmlich, wie knackig und saftig dieser Apfel ist, als die alte Frau da vor der Tür ihn mit dem Messer zerteilt. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Hier gibt es so selten etwas Frisches zu essen. Das Süßeste, was ich in all den Monaten bei den Zwergen hier im Wald gegessen habe, waren Rüben. Und dieser Apfel ist bestimmt süß. Er sieht prall und reif aus, und sie hat es ja auch gesagt… Sie hält mir eine Hälfte hin, ich sehe das weiße Fruchtfleisch und meine sogar, es riechen zu können.
Aber ich soll nichts von Fremden annehmen. Kein Wort, kein Lächeln, keine Gaben. Es ist so ungerecht. Es sei zu meinem Besten, haben sie gesagt.
Aber diese Frau – sie wirkt doch so freundlich. Irgendwie kommt sie mir vertraut vor. Ich möchte sehr gern, dass sie mich mag. Jetzt noch zu zögern ist unhöflich. Vielleicht wird sie sonst wütend, das will ich nicht. Sie hat ja den Apfel schon aufgeschnitten und will ihn mir nicht verkaufen, sondern schenken… Jetzt beißt sie in eine der Hälften, und obwohl sie die nicht-ganz-so-rote Seite gewählt hat, sehe ich, wie gut es ihr schmeckt. Hmm, sagt sie, und der Ton summt in meinem Ohren. Ich nehme die andere Hälfte.
Ich beiße hinein.

Habe ich es geahnt? Hätte ich es wissen müssen? Oder habe sie erkannt – und trotzdem hineingebissen?
Das frage ich mich seitdem, immer und immer wieder.

Der Apfel schmeckte süß, wie erwartet. So süß. Das kühle Fruchtfleisch, das unter meinem Biss nachgab. Der frische, süße Saft, der mir die Kehle hinunterrann. Es war so gut. Vielleicht war ich zu gierig. Ich verschluckte mich. Ich würgte und schlug um mich – es war bestimmt kein schöner Anblick. Die Alte schaute nur zu.

Das letzte, was ich wahrnahm, war ein Hauch Bitterkeit. Des Apfels. Aber auch die Erkenntnis, dass ich nun sterben würde; und dass sie wollte, dass ich starb: bitter.

Aber ich bin nicht gestorben, glaube ich. Seit diesem Tag liege ich hier, und die süße Bitterkeit steckt fest in mir. Meistens schlafe ich. Aber wenn ich wach bin, durchlebe ich den Moment wieder und wieder. Der Bissen sitzt fest, ich schaffe es weder, ihn gänzlich hinunterzuschlucken, noch ihn auszuspucken. Die Zwerge wachen bei mir, aber sie schauen nur. Niemand rührt mich an.

So, stelle ich mir vor, könnte es gewesen sein. Den Apfel, den habe ich jedenfalls geschmeckt. Letzten Sonntag hatte ich das große Vergnügen, an einem Workshop von Bernd Witte (Touché Erzähltheater) teilzunehmen, den die Erzählwerkstatt Braunschweig organisiert hatte. Mit Abstand und Stoßlüften und zwischendurch mit Masken natürlich.

Jetzt weiß ich, wie Pantomimen trainieren, kann (fast) einen fliegenden Adler imitieren, ein Spiegelbild für einen Gärtner in seinem unsichtbaren Garten sein. Wir haben unser Gesten-Repertoire zusammengeworfen, was sehr lustig und lehrreich war (Kennen Sie den ‚Schweigefuchs‘, der in der Schule zum Einsatz kommt? Ja? Aber kennen Sie auch die unhöflichere Variation, das ‚Schweigeeinhorn‘?). Wir sind durch imaginäre Räume gewandelt, und viele von uns haben dort Dinge gesehen, die handfester Stoff für Geschichten sind.

Der Workshop hieß „Erzählen mit Hand und Fuß“ und hat mich erzählerisch vom Kopf wieder auf die Beine gestellt. Ein körperliches Auseinanderfalten nach Monaten des Zusammenschrumpelns vor Tastatur und Bildschirm. Und so etwas wie ein wohltätiger Reanimationsschock für die Phantasie. Ein kräftiger Rückenklopfer für das innere Schneewittchen. Merci, Bernd Witte und allen, die da waren!

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